Menschen & Glück

Sein Leben angucken

Dieses Titelbild entstand schon vor einigen Jahren an einer Küste in der Bretagne. Zwei ältere Menschen, die zusammen ganz vertraut und schweigend nebeneinander im hohen Gras sitzen und auf das weite Meer hinausblicken. Wir saßen einige Meter entfernt hinter ihnen und wollten eigentlich nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen, da die nächste Station unserer Rundreise wartete. Und doch wollte man gar nicht weiter fahren. Vielleicht lag es an dem schönen Ausblick, an der leichten Brise oder der unglaublichen Ruhe hier am Meer. Doch es waren vielmehr diese beiden Menschen, die einfach so da saßen. Ich konnte ihre Gesichter nicht sehen und doch kam es mir so vor, als würde ich direkt neben ihnen sitzen und ihrem Gespräch über das Leben lauschen, das sie wahrscheinlich gar nicht führten.

Bestimmt fand dieses Gespräch aber in jedem der beiden Köpfe ganz privat für sich statt. „War mein Leben gut so?“, „war jede Entscheidung richtig?“, „bin ich mir treu geblieben?“, „was würde ich anders machen, wenn ich nochmal die Chance auf ein neues Leben hätte?“ – „würde ich dann überhaupt heute mit diesem lieben Mensch hier sitzen?“

Ihr fragt Euch jetzt bestimmt, warum ich als junger Mensch überhaupt über diese Fragen nachdenke. Aber ich persönlich finde, man kann sich gar nicht früh genug in diese Situation reinversetzten, wie es wohl ist, als älterer Mensch darüber eines Tages zu sinnieren. Wenn man dann überhaupt noch lebt. Weiß ja schließlich keiner. Jeden Tag schiebt man seine Träume vor sich her, da man ja erst noch seine selbst erstellte To-do-Liste abarbeiten möchte, bevor man sich dann um das eigentlich Wichtige kümmert – zu leben. Einfach nur zu leben (was nicht heißt, dass man dabei nicht mehr arbeiten kann/soll/darf). Und wenn man dann eines Tages am Meer sitzt, egal in welchem Alter, dann wird man wieder an diese Fragen denken und sich hoffentlich freuen, dass man wenigstens mit dem Leben angefangen hat.

Ich bewundere Menschen, die ihre Träume so leben, wie sie kommen. Die sich fremde Länder anschauen, zur Not auch ganz alleine. Dich sich mit einem riesen Berg voll Schulden selbstständig machen, hoffentlich nicht ganz alleine. Die sich trauen, sich schützend vor hilfsbedürftige Menschen zu stellen, oft auch alleine. Die am Ende ihres Lebens vielleicht am Meer sitzen und wissen, wie es sich angefühlt hat zu leben, alleine oder zu zweit.

Jeder Tag ist so unendlich kostbar, jede Stunde ist einzigartig, jede Minute wertvoller als ein Augenblick. Wir befinden uns nicht in einer Generalprobe für das Leben, wir sind mittendrin, was man im Alltag leider oft vergisst. Nehmt Euch also jeden Tag etwas Zeit, so viel Zeit Ihr könnt, für das, was Euch wirklich wichtig ist. Für Euer Glück, was auch immer das für Euch sein mag 🙂