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Zwischen Zuckerbrot & Peitsche

Man stelle sich eine bunte Schachtel allerfeinster Buntstifte vor. Die Schachtel ist schon ein Jahr alt und die Stifte sind unterschiedlich lang, da sie verschieden oft angespitzt wurden. Manche gehören eigentlich gar nicht in den Kasten – sie sind irgendwann von irgendwo her dazu gekommen. Manche sind abgegriffen, manche fast neu und manche schon gar nicht mehr da. Und manche brechen immer wieder ab. Komisch, eigentlich hatte man doch einen Qualtitätsmarke gekauft, wie können die einzelnen Stifte bloß so verscheiden sein.

Bunte Vielfalt

Hey Ihr Lieben, heute geht´s um Qualität. Deutschland ist Vorreiter in dieser Güte. Sie nennt sich duale Ausbildung und könnte kaum erfolgreicher sein. Der praktische Teil im Betrieb wird sinnvoll durch den schulischen Teil begleitet. Ein riesen Erfolg. Vorausgesetzt, die Azubistellen werden überhaupt besetzt und auch erfolgreich abgeschlossen…

Als ich vor 12 Jahren meinen Azubivertrag in den Händen hielt, dachte ich, jeden Moment vor Stolz platzen zu müssen. Was würde mich in den nächsten drei Jahren erwarten? Wie werden meine Ausbilder sein? – „Warum gehst du mit Deinem Abi nicht studieren?“ – wie oft ich diese Frage hörte… Von gut 90 Abiturienten war ich die Einzige!, die im Hotel landete. Sehr zum Unverständnis aller anderen.

Doch das Glück war auf meiner Seite und damit meine ich das Glück, während meiner Azubizeit u.a. auf drei tolle Mentoren zu treffen, die mich drei Jahre lang begleiteten und das Beste aus mir heraus zu kitzeln vermochten. Sie schafften es, dass ich über mich hinaus wachsen konnte und zum allersten Mal in meinem Leben auch mal vorne war – und nicht hinten. Sozusagen ein top Buntstift :-p

Zu den Mentoren:

Zum einen war es mein damaliger Ausbilder, also der Hoteldirektor. Er verstand es, zu jeder Zeit an mich zu glauben, mich größtmöglich zu fordern, aber dabei nie arbeitstechnisch auszunutzen. Eines Tages war ich fest davon überzeugt, man sollte mal eine Charity-Gala in unserem Hotel veranstalten. Als ich ihn mit diesen Plänen konfrontierte, rechnete ich (selbst bei ihm) mit einer sofortigen Abblockung, doch zu meinem großen Erstaunen, war er begeistert von dieser Idee (wahrscheinlich eher von meiner Initiative). Ich hätte sie tatsächlich umsetzten dürfen (bei kompletter Organisation durch mich) – letztendlich scheiterte es dann doch an meinem inneren, damals 21-jährigen Schweinehund ;-). Doch dieses Vertrauen, das er mir schenkte, war damals goldwert für mich.

Und genau dieses Vertrauen, dieser Glaube an meine Stärke und die Bereitschaft sie zu fördern, hatten auch meine beiden anderen Mentoren, zwei fantastische Berufsschullehrer. Beide lieben ihren Beruf über alles und genau DAS, diese Liebe und Leidenschaft konnten sie auf uns „Stifte“ übertragen. Wir machten es ihnen nicht immer leicht und sie es uns in den Klausuren auch nicht – zum Glück, denn sie mussten uns fordern, damit wir lernten, was in uns steckt. Dass man über sich hinaus wachsen kann – das ist eine großartige Erfahrung, vor allem wenn jemand da ist, der von Anfang an mehr an Dich glaubte, als Du selbst!

Heute, viele Jahre später, mit einem Ausbilderschein ausgestattet, weiß ich, wie viel Kraft man als Ausbilder aufwenden muss. Aber es lohnt sich. Es gehört zu den schönsten Dingen überhaupt, jungen Menschen Wissen zu vermitteln und zu sehen, wie sie ihren Weg gehen. Mit ihnen auf Augenhöhe zu sein, sie anzuspornen, sie zu loben, sich mit ihnen reinzuknien, sie zu bestärken und mit ihnen gemeinsam neue Situationen zu meistern. Aber auch, ein offenes Ohr für ihre privaten Sorgen zu haben.

Dabei ist es essenziell, dass der Betrieb Azubis NICHT als billige Arbeitskraft ansieht!

Denn eine korrekte Ausbildung, die sich an den Ausbildungsrahmenplan hält, genug Erklärzeiten, Trainings sowie Missgeschicke einplant, ist für die meisten Azubis die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Abschluss. Ebenso die Wertschätzung durch ihre Vorgesetzten.

Wie oft werden Azubis ins eiskalte Wasser geworfen, da zu wenig Mitarbeiter da sind. Wie oft müssen sie knechten bis zum Umfallen (mit den Worten: „Gegen Früher ist das hier gar nichts, stell Dich nicht so an“). Wie oft gibt es Unverständnis für persönliche Probleme der Azubis. Sind ja nur Stifte…

Das Gleiche gilt natürlich selbstverständlich umgekehrt: Auch als Azubi muss man gedanklich voll dabei sein (und dass Smartphone mal 8 Stunden Smartphone sein lassen). Es darf nicht an Einsatzbereitschaft und Lernwillen fehlen. Doch es gibt nun mal intrinsisch und extrinsisch motivierte Menschen. Diese zu erkennen und bestmöglich zu fordern ist Aufgabe der Ausbilder!

Mein persönlicher Tipp aus (oben genannter) Erfahrung:

Übertragung von vertretbarer Verantwortung motiviert fast immer. Man kann sich als Azubi selbst ausprobieren, Grenzen kennenlernen und sie manchmal auch überschreiten. Sicher wird man den ein oder anderen Fehler auf Kosten des Betriebes machen – aber gibt es einen besseren Lerneffekt? Dafür bildet ein Unternehmen schließlich aus. Um eigenständig denken und handelnde Mitarbeiter zubekommen, die nicht alle gleich sind, aber die lieben, was sie tun. Damit ihr Leben farbenfroh bleibt & sie ihren Betrieb in diesen Farben streichen und somit zu neuem, frischen Glanz verhelfen. Eben bunt und vielfältig ❤