Menschen & Glück · verzweifeln

Die K-Frage – stop asking!

Anmerkung: Dieser Beitrag sollte (ganz spontan verfasst) schon vor einem Jahr online gehen. Meine engsten Freunde rieten mir jedoch, noch zu warten. Den richtigen Zeitpunkt gibt es nie – ich weiß. „Bestimmt ist dieser Beitrag auch zu scharf“ – eigentlich wollte ich ihn nochmal neu verfassen. Weniger gesellschaftskritisch. Aber dann entschied ich mich, ihn genau so zu lassen. Eben echt. Frei von der Seele weg. Sonst würde die Brisanz dieses Tabuthemas nicht ankommen.

„Bist Du immer noch nicht schwanger?“

Selten hatte mich eine Frage so tief getroffen. So tief verletzt. So viele Wunden aufgerissen.

Diese Frage schleuderte mir eine Frau im vorletzten Jahr auf einer Feier an den Kopf. Eine Frau, die ich eigentlich sehr mag. Und das tue ich trotz allem immer noch. Kinder & Betrunkene sagen die Wahrheit. Sie sagen DAS, was andere Mitmenschen denken…. Oder immerhin etwas netter ausdrücken würden, etwa so: „Und, wie siehts denn eigentlich mit Kindern aus?“

Dann bist du als verheiratete Frau mit 30 erstmal in Erklärungsnot. Oder besser gleich: im Rechtfertigungsmodus. Am Anfang findet man das noch lustig, irgendwann kann man nur noch gequält lächeln oder das Thema wechseln. Und irgendwann geht dir diese persönlichste aller persönlichsten Fragen tierisch auf den Keks. Werden wir Frauen nur über leibliche Kinder definiert? Gehören wir sonst nicht dazu? Vielleicht hat man ja auch andere Pläne. Vielleicht möchte man gar keine Kinder. Oder lieber ein Pflegekind.

Damit wir uns nicht falsch verstehen – ich weiß, dass diese Menschen es mit ihren Fragen „nur gut meinen“. Nur Interesse zeigen wollen. Sich für einen tierisch freuen würden. Ich weiß das alles. Aber welche Antwort erwartet man denn auf diese Frage? Ein genaues Datum? Eine eidesstattliche Erklärung zu den Hintergründen? Sorry für den Sarkasmus 😉

Diese Hintergründe können sehr vielfältig sein und KEINE junge Frau muss sich dafür erklären. Wenn es soweit ist, wird die Gesellschaft es wohl mitbekommen, schließlich wartet sie mit Argusaugen ja scheinbar auf nichts anderes. Da wird den jungen (verheirateten) Frauen als erstes auf den Bauch und dann erst in die Augen geschaut. Oder in Gesprächen wandert der Blick gern von oben nach unten, und wieder von vorne. Ja, wir Frauen bekommen das wohl mit. Und es gibt kaum etwas mehr erniedrigenderes! Schön ist auch, wenn Verwandte und Nachbarn die Eltern von jungen Paaren zu dem Thema befragen…. Oder man einen „Beweis-Schluck“ trinken muss.

Aus dem Leben:

Eine liebe Freundin erzählte mir einst, dass sie ihre Cousine mal ganz unbefangen nach Kindern fragte. Diese brach vor ihr in Tränen aus. Meine Freundin war völlig bestürzt und grämte sich sehr, ihre Cousine so verletzt zu haben. Natürlich ungewollt. Sie konnte ja nicht wissen, dass ihre Cousine schwer erkrankt ist und keine Kinder bekommen darf.

Eine andere Freundin erzählte mir, dass sie auf der Arbeit eine alte Dame (Stammgast des Hauses) wiedertraf, die sie herzlich drückte. Danach strich die Dame ihr über den Bauch und fragte, ob schon „was Kleines“ unterwegs wäre (da sie von der erst kürzlichen Hochzeit meiner Freundin wusste). Diese Freundin war den Tränen nahe und schaffte es gerade noch, sich blitzschnell zu verabschieden, um weinend auf die Toilette zu rennen. Sie hatte 5 Tage zuvor von ihrer ersten Fehlgeburt erfahren….

Eine dritte Freundin wurde nach 8 Jahren schwanger. Es hatte vorher einfach nie geklappt. Jeder fragt sie mittlerweile, ob da ein Kinderwunschzentrum im Spiel war. Jedes Mal muss sie die Tränen verstecken.

Meine Frage:

Muss es immer erst soweit kommen, dass Frauen in Tränen ausbrechen müssen, bevor die Gesellschaft versteht, wie sensibel dieses Thema ist? Wie viel Leid auch daran hängen kann?

Für die Betroffenen ist dieses Leid auch so schon schwer genug zu ertragen. All die Fragen & Blicke machen es doppelt so schwer und führen häufig zum Rückzug und Isolation der Frauen. Sie schämen sich. Obwohl das völlig unnötig, bekloppt und falsch ist. Sie würden gern darüber reden, doch das können sie nur mit allerengsten Freunden. Freunden, die nicht neugierig danach fragen, sondern die einem nur in die Augen schauen müssen, um zu verstehen, dass eben nicht alles heile ist. Freunde, die immer da sind, Tag und Nacht, die jede Träne auffangen und einen nur noch fester in den Arm nehmen, wenn alles um eine herum zerbricht. Danke ❤

P.s. Ich hoffe sehr, dass dieser Beitrag ein klein wenig hilft, anderen Frauen diese Fragen in Zukunft zu ersparen! (Ich hätte ihn schon viel eher schreiben sollen). Wenn jemand von sich aus erzählen möchte, dann wird SIE es tun.

Links zum Thema:

https://www.n-joy.de/leben/Warum-die-Kinder-Frage-verletzend-sein-kann,kinderfrage100.html

https://sz-magazin.sueddeutsche.de/frauen/richtiges-alter-fuer-kinder-87870

https://www.welt.de/icon/iconista/article189726521/Heidi-Klum-und-Co-Hoert-auf-Frauen-zu-fragen-ob-sie-Kinder-wollen.html