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Grand Hotel im Wandel

Warum bucht man ein Grand Hotel? „Weil man wie ein König behandelt wird“ – so lautete einst die Antwort eines Bekannten, der sich diesen Luxus ab und an mal gönnt.

Warum allerdings will man unbedingt mal in einem Grand Hotel arbeiten? Auf diese Frage wusste ich lange keine Antwort…. Aber als Azubi war es mein sehnlichster Wunsch. Und sei es nur, um wenigstens mal einen Fuß darein zu setzen. In den Mythos Grand Hotel! Vielleicht in Wien? Erstmal hocharbeiten dachte ich mir, vielleicht kannst’e dann eines Tages deine Chance versuchen. Nachdem ich nach meiner Ausbildung ein Jahr in einem Kölner Luxushotel gearbeitet hatte (was aber nicht als klassisches Grand Hotel anzusehen ist), war der ursprüngliche Wunsch verpufft. Nicht jedoch die Faszination von diesem Mythos.

Irgendwie musste ich mich diesem Thema also anders nähern. Was hat ein Grand Hotel magisches an sich? Warum macht sich beim Gedanken daran ein klein wenig Ehrfurcht breit? Und passt es noch in die heutige Zeit?

Dazu wählte ich drei Wege: ein Fachbuch, ein Theaterstück, und einen Hotelaufenthalt (ok, zwei) 😉

a) Das Fachbuch: diese wahrhaft „dicke Schwarte“ von 400 eng beschriebenen Seiten vom Geschichtsprofessor Prof. Dr. Habbo Knoch mit dem Titel ‚GRANDHOTELS – Luxusräume und Gesellschaftswandel in New York, London und Berlin um 1900‘ entdeckte ich eines Tages rein zufällig in einer Uni Bibliothek. Und das Buch versprach einen mehr als umfassenden und wissenschaftlichen Einblick in die Blütezeit der Grand Hotels (zur Belle Époque).

Seite für Seite kämpfte ich mich viele abendelang durch die verschiedensten Themenbereiche. Ob Raumordnungen (z.B. die obligatorischen Drehtüren zur Abschirmung der Außenwelt), gesellschaftliche Ansichten (z.B. alleinreisende Frauen, die ohne Gepäck und Voranmeldung häufig abgewiesen wurden), oder wirtschaftliche Zusammenhänge (z.B. der Wandel hin zu voll optimierten Raumausnutzungen) gaben mir einen umfangreichen Einblick in die damalige Zeit.

b) Das Theaterstück: genauer gesagt handelte es sich um ein Varieté-Theater, Akrobatik inklusive. Der Vorhang war noch geschlossen, doch das wesentliche Merkmal eines Grand Hotels stand schon davor bereit: ein wuchtiger Rezeptionstresen aus dunklem Eichenholz mit einer goldenen Klingel darauf. Dann ging es los. Vorhang auf für ein kunstvolles Bühnenstück inklusive majestätischem Bühnenbild mit viel Opulenz. Die obligatorischen Requisiten für dieses Thema waren komplett. Ob Drehtür, Kofferwagen, Pagenmütze, monströse Koffer, antikes Telefon und Kronleuchter an der Decke – als Gast fühlte man sich mittendrin. Im Grand Hotel. Spielort: Lobby.

Dazu gab es einen einmaligen Mix an unterschiedlichsten Charakteren. Klischeehaft ohne Ende, aber eben genau so, wie man sich das Leben in einem Grand Hotel vorstellt und es sich damals sicherlich auch abgespielt hat. Eitle Diven als Gast, Hochstapler, verschrobene Politiker, neugierige Zimmermädchen und ein allwissender Portier. Es ist die perfekte Inszenierung.

c) Der Hotelbesuch: dazu bedurfte es erstmal einen besonderen Anlass, zu dem man sich etwas ganz besonders gönnen darf. Quasi: „once in a live time“. Und tolle Menschen, die dabei halfen, diesen Traum wahr zu machen (Mitarbeiterraten für Freunde sei Dank). Wie oben erwähnt waren es zwei Hotelaufenthalte. Jeweils in DEM Grand Hotel zweier deutscher Millionenstädte. (Die Namen verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht, aber gibt ja nicht so viele 😉 ) .

Die Vorfreude war riesig. Es war jeweils nur eine Nacht. Das Aufregendste war mit Sicherheit das Betreten der legendären Hotelhalle bei Ankunft. Spiegelglatter Marmorboden, funkelnde Kronleuchter, ein riesen Blumen Bouquet, Spiegel ohne Ende, und eine ganz besondere Aura lag in der Luft. Wow. Man war erstmal überwältigt. Auch Nicht-Hotel-Menschen würde das Herz für diesen Moment ein wenig schneller schlagen.

Und vielleicht geht es nur mir so, aber man macht sich vorab schon einige Gedanken, ob man seine Turnschuhe vielleicht schnell noch gegen Lederschuhe tauschen sollte 😉 . Nicht, dass einem der Dorman keinen Einlass gewährt. Das war vielleicht früher so. Heute sieht alles viel lockerer und entspannter aus. Die Lobby in einem dieser beiden Hotels war sogar ganz frisch renoviert und machte fast schon einen leicht futuristischen Eindruck. Es war ohne Frage schick und verdammt stilvoll. Aber mein ganz persönlicher Geschmack hatte ehrlich gesagt mehr auf das Gediegene alter Zeiten (vielleicht zur Belle Époque?) gehofft. Eben so, wie man sich ein original Grand Hotel vorstellt. Klotzig und zugleich fein, schwer und zugleich zart, dunkel und zugleich schimmernd und vor allem: viel dunkles Holz und schwere Teppiche. (Der Fahrstuhl war, zumindest vom Aussehen her, zum Glück noch nicht renoviert und sah noch sehr original aus – siehe Titelbild).

Doch was hatte ich erwartet? Natürlich muss auch ein Grand Hotel mit der Zeit gehen und sich weiter entwickeln

Dieser Luxusraum war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein ausnahmsloses Sinnbild für rauschendes Vergnügen, technischen Fortschritt, verschwenderischen Luxus, politische Treffpunkte, Prunk, Kulinarik, Ästhetik und die Crème de la Crème. Manches davon ist bis heute geblieben – eines mit Sicherheit, was ich bisher noch nicht erwähnt habe, dass ein Grand Hotel (und auch viele andere) aber erst auszeichnet: den perfekten Service!

Natürlich kommen im Luxusbereich deutlich mehr Mitarbeiter auf einen Gast als in den anderen Sternekategorien (daher ja u.a. auch der höhere Preis). Je mehr Zeit für den Gast bleibt, um diesen jeden Wunsch von den Augen abzulesen, umso besser fühlt er sich. Eben wie ein König. Ob er dabei in einem teuren Samtsessel mit vergoldeten Füßen sitzt, oder in einem unscheinbaren Noname Produkt, welches aber genau so bequem ist, spielt meines Erachtens keine Rolle. Der Gast muss sich richtig wohl und gesehen fühlen! (Stichwort: Namensgedächtnis). Ob er dazu in eine Luxus-, First Class-, Komfort- oder Budget-Welt eintauchen möchte, bleibt allein seine Entscheidung. Gern natürlich auch in eine Feine-Plätzchen-Welt.

P.s. Die Bühne, wie in einem Theaterstück, bleibt dem Gast in einem Grand Hotel natürlich auch in der heutigen Zeit treu. Unterschiedlichste Charaktere treffen zufällig aufeinander, teilen ein Stück Zeit und verschwinden wieder (wie die mysteriöse Frau im Fahrstuhl des Titelbildes, die mit anderen Gästen zustieg und alle Blicke durch ihre Erscheinung auf sich zog. Ihren Anblick werde ich nie vergessen 😉 ).