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Dialog mit Sinneseinschränkung

Sehen, riechen, schmecken, hören, tasten. All diese fünf Sinne nutzen wir täglich unzählige Male im Alltag. Völlig automatisch und mit großer Selbstverständlichkeit. Doch nicht alle Menschen kommen in diesen Genuss bzw. verlieren im Laufe des Lebens einen oder sogar mehrere dieser Sinne. Wie geht es Ihnen damit? Welche Barrieren begegnen ihnen im Alltag?

Wie fühlt es sich an, komplett blind oder taub zu sein?

Das wollte ich herausfinden. Möglich ist das auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichen Städten Deutschlands. Bei mir wurde es Hamburg, wo sich in der Speicherstadt das Dialoghaus Hamburg befindet. Hier kann man als Besucher:in zwei verschiedenen Führungen buchen: „Dialog im Dunkeln“ & „Dialog im Stillen“. Mutigerweise habe ich mich damals gleich für beide Angebote entschieden. Heute kann ich sagen: glücklicherweise, denn diese beiden Führungen haben mich tief bewegt und mich tatsächlich zu einer Verhaltensänderung angeregt. Dazu später mehr.

Zuerst habe ich am „Dialog im Stillen“ teilgenommen. Wir waren eine kleine Gruppe von 6 Leuten, die zufällig an diesem Tag im Dialoghaus zusammen traf. Unser Guide (selbst von Geburt an taubstumm) nahm uns für 60 Minuten mit in die Welt der Stille. Simuliert für uns Gäste durch starke Kopfhörer, die wirklich jedes Geräusch abfangen. Die ersten Minuten waren wirklich gewöhnungsbedürftig, doch die Atmosphäre lockerte sich schnell und unser Guide verstand es meisterhaft, uns durch die Ausstellung zu führen. An verschiedenen Stationen lernten wir, nur durch Zeichensprache, Gestik und Mimik in Kontakt zu treten, Bilder zu beschreiben & Emotionen auszudrücken. Mein Highlight war natürlich der Austausch am Schluss, wo eine Gebärdendolmetscherin zur Verfügung stand, um all unsere Fragen an den Guide zu kommunizieren. Der wichtigste Wunsch: dass deutlich mehr Menschen die Gebärdensprache beherrschen. Zumindest Grundzüge davon. Das würde die Verständigung im Alltag sehr erleichtern!

Natürlich kam mir sofort die Hotellerie in den Sinn – wie hilfreich wäre es alleine dort, wenn wenigstens das Rezeptionsteam einige Gebärden beherrschen würde. Schließlich wird auf Sprachkenntnisse hier großen Wert gelegt, warum also nicht auch auf die Gebärdensprache? Einem offensichtlich taubstummen Mensch das „Herzlich Willkommen“ zu gebärden schafft die größtmögliche Wertschätzung und symbolisiert auch gleichzeitig echte Gastfreundschaft! ❤

Zurück zum Dialoghaus. Die zweite Tour „Dialog im Dunkeln“ war wirklich außergewöhnlich. Denn als Besucher:in dieser Tour sieht man tatsächlich NICHTS. Absolut nichts, nicht den geringsten Lichtstrahl. Auch hier wird man gemeinsam in einer Gruppe (von der ich auch niemanden kannte) in 60 Minuten durch die komplett dunkle Ausstellung geführt. Nur ausgestattet mit einem Blindenstock und natürlich geleitet von einem blinden Guide. Am Anfang habe ich wirklich gedacht, „ok, das schaffst Du nicht, geh lieber direkt wieder raus“, aber zum Glück bin ich geblieben. Und was soll ich sagen? Nach fünf Minuten hatte ich mich an diese völlig unbekannte Situation „gewöhnt“ (wohlwissend, dass ich ja nach einer Stunde wieder sehen kann). Das lag mich Sicherheit auch an der Gruppe, die sich ja ebenfalls Neuland betretend durch die verschiedenen Räume tastete. So „erkundeten“ wir einen Park (mit kleinen Brücken und Teich, eine vollausgestattete Küche, überquerten eine Ampel (das akustische Signal ist übrigens viel zu kurz, wie im Alltag auch) und nahmen zum Schluss sogar in einer Bar Platz (mit Bestellung & Bezahlung) – alles, wie gesagt, im Dunkeln. Hier durften wir unseren Guide mit Fragen löchern, der schon als blinder Mensch zur Welt kam.

Nach der Tour waren wir alle sichtlich bewegt – und ich glaube, jeder und jede war unendlich dankbar dafür, wieder sehen zu können. Die Welt in all ihren Farben & Formen wahrnehmen zu können. Eine Fähigkeit, die so unendlich wertvoll und kostbar ist. Darüber wird man sich erst bewusst, wenn man sie mal nicht zur Verfügung hatte. Doch wenn ein Sinnenorgan ausfällt, lernt man (ok, gezwungenermaßen), die anderen verbleibenden viel besser zu nutzen, z.B. zu tasten oder zu hören. Damit schafft man es tatsächlich, ein Stück weit autonom zu sein, doch natürlich gibt es auch unzählige Barrieren im Alltag, die die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen einschränken. Für blinde Menschen können hier beispielsweise akustische Signale oder die Brailleschrift (Blindenschrift) sehr hilfreich sein, sofern sie denn eingesetzt werden.

Der Austausch im Dialoghaus Hamburg und die völlig selbstverständliche Begegnung von Menschen mit und ohne Sinneseinschränkungen hat mich persönlich sehr bereichert. Ein paar Tage später hing auch schon ein Plakat mit Grundzügen der Gebärdensprache in meiner Küche – es hängt dort bis heute! Aber ich muss zugeben, dass ich noch eine blutige Anfängerin auf diesem Gebiet bin. Mehr Zeit & Übung wäre gut. Auch die Brailleschrift liegt zum Lernen bereit. Nachts im Dunkeln versuche ich wenn möglich, das Licht auf dem Weg ins Bad auszulassen und einfach mal nur zu tasten. Es ist umständlicher, aber man schafft es. Und diese Erfahrung schafft viel Selbstvertrauen, wenn man sich darauf einlässt. Übrigens bietet das Dialoghaus auch Teamevents an – ob Hotellerie oder andere Branchen – ich bin mir sicher, dass hier Teambuilding bestens funktioniert. Nur als Tipp ! 🙂

Manchmal muss man eine neue Situation einfach annehmen, sie erkunden und Lösungen finden. Schön ist, dabei nicht allein zu sein, sondern eine Gesellschaft zu haben, die hilft und nicht wegsieht. Schließlich möchten alle Menschen an diesem einen Leben teilhaben und es ist unsere Aufgabe, es so zu gestalten, dass jeder und jede die Möglichkeit dazu hat. #Barrierenabbauen #gemeinsam

P.s. das Dialoghaus Hamburg hat für sein Konzept übrigens den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2023 (Transformationsfeld: Gesellschaft) gewonnen. Herzlichen Glückwunsch zu dieser verdienten Auszeichnung 🙂

Ein Gedanke zu „Dialog mit Sinneseinschränkung“

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