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Interview: Aussteiger Gastgewerbe

Meine Interviewpartnerin heißt Carma, heute 29 Jahre, gelernte Hotelfachfrau und Hotelbetriebswirtin + Ausbilderin. Einstieg Hotellerie mit 18 Jahren. Ausstieg Gastgewerbe/Tourismusbranche mit 28 Jahren. Das Interview fand in einem Bäcker-Café an einem Samstagmorgen statt.

Kurz zur Vorgeschichte:

Juni 2019/Deutschland: Ich klappte das Notizbuch zu – alle Antworten auf meine Interviewfragen an meine Freundin Carma (29) waren notiert. Doch irgendetwas war noch offen – die Frage nach dem „Warum“? Warum musste das Leben für sie diese einschneidende Wendung nehmen?

Februar 2017/Mittelamerika: Wir saßen beide gegenüber am Panoramafenster ihres Arbeitsplatzes auf einem großen Schiff. Es war ihr freier Tag. Wir quatschten über das Leben und darüber, dass sie ihren absoluten Traumberuf hier lebt. Ich konnte das pure Glück in ihren Augen sehen. Zwei Tage später lag sie auf der Krankenstation. Zwei Wochen später musste sie ausgeflogen werden. Nach Deutschland. Diagnose: schwere Herzprobleme.

Juli 2011/Deutschland: Zusammen standen wir am Bahnhof. Auf dem Weg zur Landesjugendmeisterschaft NRW. Unsere Freisprechung lag nur wenige Tage hinter uns. Wir fühlten uns unendlich stark und stolz, frisch gebackenen Hotelfachfrauen zu sein. Was würde dieser Beruf mit uns machen? Wo werden wir in fünf Jahren stehen?

Zum Interview:

Carma, wie bist du zur Hotellerie gekommen: „Es war einfach mein absoluter Kindheitstraum, alles begann mit der TV Sendung TraumSchiff (wir müssen beide schmunzeln). Außerdem war ich mit meinen Eltern öfters in einem ganz besonders schönen Hotel im Harz zu Gast – da war dieser Duft nach Hotel, ich kann es kaum beschreiben. Diese Begeisterung, diese Atmosphäre. Mich hat das völlig fasziniert. Und irgendwie war mir immer klar: Ich möchte auch im Hotel arbeiten.“

Wie ging es dann weiter für Dich? „Jaa, dann habe ich meine Ausbildung begonnen und immer dabei gewusst, das ist genau mein Ding. Mit diesem Beruf kann ich die ganze Welt kennenlernen.“ (Carmas Augen strahlen)

Was war Dein schönster Job in dieser Branche? Und warum? „Auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. Warum? Weil das Zusammenarbeiten mit den Menschen so vielfältig ist (Kultur, Tradition). Und weil Dein Arbeitsplatz die Welt ist, alle Türen stehen Dir offen.“

Wie hast du bisher diesen Job mit deinem Privatleben vereinbart? „Bisher war mein Freundeskreis aus der Branche – es herrschte also Verständnis für die Arbeitszeiten.
Ich hatte nie Probleme, es in Einklang zu bringen.“

Was würdest Du Menschen raten, die sich für diese Branche interessieren? „Eine gute Ausbildung in der Hotellerie/ Gastro  ist ein gutes Grundgerüst für das Leben. Durch die vielseitigen Aufgaben und Möglichkeiten kann sich auch jeder entsprechend in seiner Lieblingsabteilung spezialisieren. Um einen Eindruck zu bekommen, empfiehlt sich ggf. ein etwas längeres Praktikum. UND: Man muss schon davon überzeugt sein und sich wohlfühlen. Sonst führt es am Ende zu Unmut und es werden drei lange Azubijahre.“

Konntest Du Dir jemals den Ausstieg vorstellen: „Zu der Zeit damals: Nein. Ich hab mir nie vorstellen können, jemals irgendwas anderes zu machen. Im Gegenteil, ich habe gedacht, diesen Beruf mache ich mein Leben lang.“

(Anmerkung: Genau in diesem Moment läuft der Song „Freiheit“ von Westernhagen im Radio des Cafés. Carma sieht mich an „Erinnerst Du dich Wippi? Das Lied unserer Freisprechung“. Was für ein Zufall?)

Wo war der Punkt, an dem Du wusstest, Du wirst die Branche verlassen? „2017 als meine Krankheit kam. Ich wusste, ohne Büro-Job wird es damit in der Hotellerie schwierig. Und den findet man selten, da ihn irgendwann alle wollen. Also musste ich mich schweren Herzens in einer anderen Branche umsehen.“ (Carma arbeitet heute im Gesundheitssektor)

Es lag also hauptsächlich an Deiner Krankheit. Gab es noch andere Dinge, die Dich störten bzw. die sich im Gastgewerbe ändern müssten, damit ihre Fachkräfte bleiben? „Ja, da gibt es einige wichtige Punkte. Zum eine die Anerkennung durch die Gesellschaft. Wenn man heute nicht studiert hat, wird man doch nur belächelt und als ‚Tellertaxi‘ abgestempelt. Oder die Bezahlung – das Gastgewerbe muss sich endlich auch an Sonderzahlungen (z.B. Feiertagszuschläge) wie in anderen Branchen beteiligen. Oder eine Betriebsrente anbieten. Dann wäre da noch das Thema Weiterbildungen, die stärker gefördert und bezuschusst werden sollten.“

Würden all diese Dinge eintreten, würdest Du dann zurückkommen? „Bedingt durch die vielen Wochenend- und Schichtarbeitszeiten eher nicht. Wenn der Partner außerhalb der Hotellerie arbeitet und geregelte Zeiten hat, würde man sich kaum sehen und gemeinsame Zeit zusammen verbringen können. Aber man soll niemals nie sagen.“ (Carma schmunzelt)

Vielen Dank liebe Carma. Please come back ❤

Anmerkung der Redaktion: Es muss nicht immer eine Krankheit sein, die Menschen schlussendlich dazu bewegt, dieser wunderbare Branche, für die sie immer gebrannt haben, zu verlassen. Einige Punkte wurden im Interview schon genannt. Fest steht: Die Hotellerie und Gastronomie wird sich ändern (müssen) und zwar nicht nur die Arbeitszeiten und die Bezahlung. Eine der akutesten Fragen der Branche: „Fachkräftemangel – homemade?“ werde ich in zwei Monaten beleuchten.

P.s.:

Sommer 2040/Deutschland: Carma und Wippi haben ihr erstes integratives Hotel eröffnet. Genau so, wie sie es sich damals auf einer kleinen Reise vor gut 20 Jahren fest vorgenommen haben. Für Menschen, die den unglaublichen Servicegedanken dieser Branche in sich tragen, wie sonst niemand. Die Liste der Ehrengäste wird lang sein 😉