eigene Gedanken · für Chefs

Der große Tisch

Anmutig, stark, muskulös, kräftig und ein bisschen schwerfällig, dafür aber verdammt gut aussehend, steht er da – der große Tisch aus Holz. Seine Kanten hat er sich im Laufe der Jahre schon abgestoßen, seine Oberfläche zeichnet sein Leben und seine Beine haben auch schon bessere Tage gesehen. Aber das macht ihm nichts, denn er steht mitten im Leben, und zwar in unserem Leben. Er ist der zentrale Punkt, wenn Menschen zusammenkommen.

Seit jeher faszinieren mich große Tische & Tafeln, die durch ihre Länge wunderbar Platz für viele Gäste schaffen. Ob in Schaufenstern, in Restaurants oder auf Flohmärkten, große Tische, gern aus Holz, ziehen mich einfach magisch an. Vielleicht liegt es daran, dass ich vor meinem inneren Auge immer die Großfamilie daran sitzen sehe. Wie sie mit mehreren Generationen zusammen gemeinsam essen, lachen, Probleme besprechen, spielen, basteln, lesen, quatschen oder auch mal schweigen. An ihrem Tisch.

Und selbst wenn sich die Gäste an diesem Tisch vorher noch nicht kannten, das regelt der Tisch an sich schon ganz alleine durch seine Beschaffenheit, zumindest wenn er nicht allzu breit ist, sodass sich die Menschen gegenüber sitzen leicht unterhalten können (was bei großen runden Tischen leider ausfällt, auch wenn sie wunderschön sind). Wenn man nun noch lecker zubereitete Köstlichkeiten draufstellt sowie frische Blumen und ein paar Gläser Wein (oder Sonstiges)- bringt man die verschiedensten Leute ins Gespräch, meistens sogar in richtig Gute.

Ein Tisch im Restaurant ist wie das Bett im Hotel – das Herzstück. Früher kam kaum ein Tisch in der Gastronomie ohne Tischdecke daher – heute ist es fast umgekehrt, zumindest wenn es alte Tische sind, deren Oberfläche mehr Geschichte zu erzählen hat als der Gast selbst, der daran sitzt. Aber auch ohne Tischdecke verstehen es mittlerweile viele Gastronomen, ihre Tische gekonnt in Szene zu setzten. Und in immer mehr Restaurants etc. finden sich mittlerweile diese herrlich langen Tische, an denen viele verschiedene Gäste Platz nehmen können. Man kennt sich nicht, noch nicht 😛 Aber genau das ist ja das Schöne. Man baut sich im Leben so viel Barrieren auf, hält zu fremden Menschen immer erst mal sicherheitshalber den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand. Sie könnten ja beißen. Und plötzlich findet man sich nebeneinander, an ein und demselben Tisch sitzend, wieder. Vielleicht kommt man ja sogar ins Gespräch, während man sich das Salz rüberreicht, und stellt fest: der andere ist ja eigentlich ganz nett, woher kamen nur diese ganzen Vorurteile?

Aber bis wir uns in Deutschland von dieser inneren Distanz gegenüber Fremden verabschieden, braucht es wohl noch viele lange Tische, an denen man feststellt, dass die meisten Menschen ja eigentlich ganz unkompliziert und freundlich sind 😉